Teil 1       Wie alles begann  - Im Krankenhaus  -  Erste Gefühle und Gedanken

Es war einmal....  — so fangen alle Märchen an.                                 

Aber das, was mir passierte ist kein Märchen, sondern bittere Realität. 

Es geschah am 2. Dezember 1999.

Eigentlich ging ein ganz normaler Tag zur Neige – ein Donnerstag.

Es war kurz vor 6 Uhr am Abend. Ich hatte einen normalen Arbeitstag ohne Streß und ohne Überstunden hinter mir.

Ich war Diplom-Ingenieur in einer mittelständischen Maschinen- und Armaturenbau-Firma in Bremen  und an diesem Tag genau 57 Jahre und 37 Tage alt.

Ich war von der Firma so wie jeden Tag die 10 km mit meinem großen Motorroller nachhause gefahren. Als ich im Wohnzimmer meine Frau, Ingrid, begrüßt hatte, sagte sie: „Wir könnten eigentlich mal einen kurzen Adventsspaziergang durch Delmenhorst machen und dabei auch in der Bücherei nachfragen, ob die dort deinen besonderen  Notizkalender für 2000 noch haben. Hast du Lust dazu ?“ „Ja, okay.“

Also fuhren wir beide noch eben zum Einkaufsbummel nach Delmenhorst, in der Nähe von Bremen. Ich hatte unser Auto bis zum Parkplatz bei der Fußgängerzone gefahren. Die Verkäuferin hatte meinen speziellen Taschenkalender nicht mehr im Regal, deshalb bestellten wir ihn bei ihr. Danach machten wir in der weihnachtlich geschmückten Langenstraße einen Schaufensterbummel.

Kurz bevor die Geschäfte ihre Türen schlossen gingen wir noch in ein kleines Kaufhaus, wo Ingrid eine Kleinigkeit kaufte.

Als wir wieder draußen waren und so nebeneinander an den Schaufenstern vorbeigingen, sagte ich zu ihr : „Wir können ja da vorne runtergehen und dann wieder ´rüber zum Parkplatz.“   Ich sah auf der großen Digitaluhr am Uhrengeschäft noch die Uhrzeit : 19.02

In diesem Moment konnte ich meinen linken Fuß beim nächsten Schritt nicht mehr richtig nach vorne setzen. – Ich blieb stehen. – Meine Frau sah sich nach mir um und fragte: „Was ist denn – kommst du ?“  Ich sagte: “Ich weiß nicht – mein Bein ist so komisch.“

Ich stand unsicher breitbeinig da, wollte meine linke Hand aus der Jackentasche ziehen, bekam sie aber nicht heraus. Mein linker Arm war völlig kraftlos. Er gehorchte mir einfach nicht !

Ich schwankte etwas unsicher, aber ich war nicht schwindelig. 

Ingrid griff mir unter den Arm, stützte mich mit Mühe und sprach zwei junge Männer an: “Hallo – können Sie mir bitte eben helfen, meinen Mann dort zur Bank zu bringen?“ Der eine der beiden Männer stützte mich rechts und Ingrid links. Sie führten mich zu der Sitzbank. Ich setzte mich hin und merkte, daß mein linkes Bein bis zum Fuß völlig kraftlos war. Ich bekam meine linke Hand immer noch nicht aus der Jackentasche heraus.

Ingrid sah mich fragend an: „Ist dir irgendwie schlecht?“ – „Nein“ – „Bist du schwindelig?“ – „Nein, eigentlich nicht.“  Ich empfand beim Sprechen so eine Art Taubheitsgefühl im linken Mundwinkel.

Meine Gedanken waren ganz klar. - Ich befürchtete etwas – sie sprach es offen aus: „Ich glaube du hast einen kleinen Schlaganfall – du mußt ins Krankenhaus – hast du das Handy dabei?“  Ich zog das Handy mit der rechten Hand aus der linken Innentasche und gab es ihr.

Ingrid wählte 112 und sprach mit dem Mann in der Unfalleitzentrale. Sie schilderte ihm meine Symptome und wo wir uns in der Fußgängerzone befanden. Er sagte, sie solle noch nicht auflegen und weiter mit ihm in Verbindung bleiben, solange bis der Rettungswagen da sei. – Ich bemerkte wieder die große Digitaluhranzeige ; es war 19.05. 

Ich saß da alleine auf der Bank, Ingrid stand vor mir, vereinzelt blieben mal Leute stehen und schauten herüber. Der junge Mann fragte, ob er wohl schon gehen könne und ging dann mit seinem Freund weiter. – Wir warteten ... und hörten dann aus der Ferne das Martinshorn des Unfallwagens. 

Es kamen der Krankenwagen und dahinter der Notarztwagen durch die Fußgängerzone mit Blaulicht gefahren. Ingrid machte uns durch Winken mit erhobenem Arm bemerkbar. Die Sanitäter legten mich neben der Sitzbank auf ihre Trage und schoben mich in den Krankenwagen. Man legte mir an den rechten Arm eine Kanüle und schloß eine Flasche mit der Tropfflüssigkeit zur Blutverdünnung an.

Der Notarzt stieg mit ein und setzte sich im Krankenwagen neben mich. Er gab mir eine kreislaufstabilisierende Spritze und maß noch einmal meinen Blutdruck, denn er konnte die vom „Sani“ zuvor gemessenen Werte von 150/85,Puls90 nicht recht glauben, da sie ihm zu normal erschienen.

Er fragte mich nach meinem Namen, welcher Tag heute sei, welches Datum wir hätten, wie spät es jetzt wohl sei ?  Ich beantwortete ihm alle Testfragen und sah auf meine Uhr ; es war 19.08 Uhr.

Ingrid saß vorne im Führerhaus bei dem Sanitäter und klärte die Formalitäten wie Krankenversicherung, Alter, Adresse usw. ab. 

                          Ich fragte den Notarzt, was mir denn nun passiert sei. Er erklärte mir :  „Sie haben soeben einen Schlaganfall erlitten. – Aber Sie und Ihre Frau haben richtig gut und schnell gehandelt, so daß wir Ihnen jetzt schon  6 Minuten danach helfen können. – Sie  müssen jetzt schnell in ein Krankenhaus hier in Delmenhorst. In welches wollen Sie denn ?  Es gibt nämlich zwei hier. Das St.Joseph-Stift ist hier ganz in der Nähe, aber die haben dort nicht die notwendigen Geräte, so daß Sie für Untersuchungen immer in die Städtische Klinik gebracht werden müßten.“ 

Ich entschied sofort: „Dann kann ich doch besser gleich ins Städtische Krankenhaus gebracht werden.“ 

Er erklärte: „Ja, das finde ich auch, zumal dort die Intensivstation eine gewisse ´Stroke Unit` hat. Ich bin dort selber Stationsarzt und kann Sie dort gleich weiterbetreuen.-Also fahren wir jetzt dort hin.- Okay?“ „Ja, okay.“ – „Frau Aschemoor, Sie können dann hinter uns herfahren.“

Um 19.30 Uhr lag ich auf der Intensivstation der Städtischen Klinik Delmenhorst und wurde an die Versorgungs- und Überwachungsgeräte angeschlossen. Ingrid fuhr um 20°°Uhr (alleine und ohne mich !) nachhause.

Ich fühlte mich alleingelassen. Benommen, leicht betäubt und müde registrierte ich meine Umgebung. Neben mir, etwas entfernt, lag ein alter Mann und schlief schwer atmend. Ich konzentrierte mich wieder auf mich selber : ´ Ich hab’ aber keine Schmerzen, mir fehlt doch nichts, überhaupt nichts, außer, daß das linke Bein nicht so funktioniert, wie es sollte. – Schlaganfall ? Da hat man doch Schmerzen ? Da fällt man bewußtlos zusammen`, hatte ich immer gedacht. Ich hatte keine Ahnung, daß es so etwas wie einen stillen, „schleichenden“ Schlaganfall geben könnte, daß das Unheil unbemerkt kommen könnte, daß sich die Folgen einer Verstopfung einer Ader im Gehirn langsam auswirken würden und einen danach liegenden größeren Teil des Nervensystems blockieren und absterben lassen. – Aber bitte, die Ärzte werden schon wissen, was sie sagen. 

Also ist es ein Schlaganfall.

Ich versuchte verzweifelt mein linkes Bein zu heben.- Es ging nicht.—

´Na, vielleicht geht´s morgen wieder ?`-- Ich schlief ein.

 

II

Ich habe die zuvor geschilderten Vorgänge, Gespräche, Empfindungen und Gefühle deshalb so genau beschrieben, um klar zu machen, daß ich das alles sehr bewußt und deutlich mitbekommen und erlebt habe. Ich hatte also keinerlei Bewußtseinsstörungen, Gedankenausfälle oder ein mangelhaftes Erinnerungsvermögen. Ich hatte auch zu keinem Zeit- punkt irgendeine Sprachstörung oder Hemmnis bei der Aussprache.

Ich war die ganze Zeit über sozusagen ´voll dabei`.

Diese Tatsache war für mich selber und bei späterer Erklärung zu anderen, sowie zur Diagnostizierung des Krankheitsbildes für die Ärzte durchaus wichtig.

Am nächsten Tag wurden gleich frühmorgens umfangreiche Unter- suchungen an mir vorgenommen.  Bei der Computertomographie (CT) konnte der Arzt jedoch keine genauen Störungen in meinem Gehirn erkennen. 

Eine Ultraschalluntersuchung in beide Halsschlagadern ergab die Diagnose: freie gutdurchgängige Adern, keine Verengung durch Kalk- oder Cholesterinablagerungen. 

Das EKG zeigte eine gute, normale Herztätigkeit ohne Auffälligkeit. Ein EEG gab keinen Aufschluß der Ursache auf einen erlittenen Hirninfarkt.

Trotzdem diagnostizierten die Ärzte :  Hirninfarkt in der rechten Gehirnhälfte aufgrund der Auswirkung der linksseitigen Lähmung, der sogenannten Hemiparese vom linken Oberarm, Unterarm, der Hand, den Fingern, dem linken Bein, Fuß und den Zehen, sowie einem leichten Taubheitsgefühl im linken Mundwinkel.

Dieses wurde mir bei der Visite am Samstagvormittag offen und ehrlich gesagt. Auf meine Frage, wann ich meine Körperfunktionen denn wohl wiedererlangen würde, erhielt ich nur oberflächliche Antworten wie : „Das dauert – da muß noch viel trainiert und therapiert werden.“ – „ Da müssen Sie Geduld haben.“

An dieser Stelle will ich schon einmal erwähnen, daß ich diese Aussage „Da mußt du geduldig sein“ von nun an sehr oft von allen möglichen Leuten als gut gemeinten Ratschlag immer wieder zu hören bekam. Aber es ist dann schon frustrierend, daß man immer weiter Geduld haben muß. Die Geduld nimmt nur nie ein Ende; zumindest kann ich bis heute ein Ende meiner Geduld noch nicht absehen.

In dieser ersten großen Chefvisite habe ich auf meine Frage : „Warum habe ich denn nun diesen Schlaganfall bekommen ?“ keine klare Antwort erhalten. Es wurden mir die möglichen Risikofaktoren zu einem Hirninfarkt aufgezählt, die da sind : erhöhter Blutdruck, plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen, Übergewicht, erhöhter Blutzuckergehalt, erhöhter Cholesterinspiegel... 

Aber als man mir dann nach den aufschlußreichen Erläuterungen meine Werte vorlas, wußte kein Arzt mehr mir den Grund oder die Ursache für meinen Schlaganfall zu sagen, denn der Blutdruck war bei der Messung durch den Notarzt, 5 Minuten nach dem Schlaganfall : 150/90, Puls 85, also durchaus nicht erhöht. Ich hatte keine Kopf-  schmerzen, keine Schwindelgefühle und keine Sehstörungen. Ich war  nicht übergewichtig, denn ich wog 65 kg bei einer Größe von 1,72 m, also eher etwas untergewichtig. Mein Blutzuckerwert von 81 und der Cholesterinwert von 119 mg/dl waren durchaus normal. Ich rauche nicht und trinke kaum Alkohol.

Meine Frage blieb also damit unbeantwortet : „Warum...- ?“

 

Ärzte definieren den Schlaganfall als   „Eine durch Blutleere in einer Hirnarterie entstehende regionale Durchblutungsstörung des Gehirns, die sogenannte Ischämie. Die Folge sind neurologische Ausfälle, welche vorübergehend oder auch dauerhaft sein können. Auch flüch-tige neurologische Ausfälle, sogenannte transitorische ischämische Attacken, abgekürzt: TIA, können bereits Anzeichen eines Hirn-infarktes sein. In dem Fall ist ein Gefäß zuerst verschlossen und es löst sich das Gerinnsel danach von selber wieder auf. Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Personen, die einen Schlaganfall erlitten, hatten vor diesem Ereignis eine solche transitorische ischämische Attacke. Auch bei diesem Vorboten des später folgenden Schlaganfalls ist die halbseitige Schwäche, die der Betroffene erlebt, das wichtigste Zeichen, an der man eine TIA erkennen kann. Aber meistens ist es so, daß die halbseitige Schwäche – die allerdings nicht die gesamte Körperhälfte betreffen muß, sondern sich auf Arm, Hand oder Bein beschränken kann – bei einer TIA nur wenige Minuten andauert und oft einfach ignoriert wird. Bei fünfzig Prozent der Personen, die solch eine TIA haben, bildet sich die Funktion innerhalb von zehn Minuten zurück. Und alles scheint wieder ganz normal zu sein.“

Wenn diese Durchblutungsstörung glücklicherweise zufällig nur kurz anhält, sterben keine oder nur wenige Nervenzellen ab und die meisten können ihre erlernte Tätigkeit nach ein paar Minuten wieder auf-nehmen. Das war dann ein ´Schlagerl`, wie die Leute in Bayern sagen, oder eine Transiente Ischämie Attacke (TIA), wie die Ärzte sagen.

Wenn die Verstopfung jedoch länger anhält, gehen viele Nervenzellen unterschiedlich schnell zugrunde und das betroffene Gehirngewebe stirbt ab. Ursache für die Verstopfung einer Ader ist ein Blutgerinnsel, das Thrombus, das sich an einer Herzinnenwand oder in einer großen Körperschlagader oder in der Halsschlagader gebildet hat, sich gelöst hat und von dort plötzlich weggeschwemmt wird. Überall paßt das kleine Teilchen durch die dicken Adern gut durch, aber da oben im Kopf wird es plötzlich eng und es bleibt hängen. Nur wo es dann gerade hängen bleibt und welchen Schaden es dort anrichtet, das ist ungewiß – das ist das Schicksal !

Ich lag hier im Krankenhaus also auf der Intensivstation, welche eine Art „Stroke Unit“ war. „Und was genau ist nun eine Stroke Unit?“

Es wurde mir erklärt: „In vielen zivilisierten Ländern hat man sich entschlossen, Schlaganfalleinheiten - die Stroke Units - einzurichten. Eine Stroke Unit muß folgende Voraussetzungen erfüllen: Ein Facharzt der Neurologie muß jeden Tag 24 Stunden anwesend sein und ein Internist muß ständig in der Nähe verfügbar sein. Computertomograph, Ultraschallmeßgeräte und Labor müssen ebenfalls rund um die Uhr bereit stehen. Physiotherapeuten, Krankengymnasten, Logopäden und Ergotherapeuten müssen in ausreichendem Maße für die sofortige, schnelle Frührehabilitation zur Verfügung stehen.“

 

 

III

Ich wurde dann nach 3 Tagen Intensivstation auf die normale Krankenstation im 2. Stock verlegt. Natürlich immer noch am Tropf-Apparat zur genauen Dosierung für die Blutverdünnung zur Vermeidung neuer Blutgerinnsel oder Blutklümpchen.

Das war also nun die einzige Behandlung, die man bei mir durchführen konnte.

Das hieß also, es konnte nicht direkt die Krankheit bekämpft und behoben werden, sondern alle Maßnahmen und Medikamente dienten lediglich der Vorbeugung gegen einen erneuten Infarkt.

Hier auf der Station M5 war man sehr bemüht um meine Zufriedenheit in dem Zimmer 78. Ich war aufgrund meines jämmerlichen körperlichen Zustandes psychisch völlig auf dem Tiefstand.

Nun, – wie war denn meine Situation ?

Ich konnte mir zwar in Gedanken vorstellen und mir wünschen, mir selber befehlen, den linken Arm zu heben. Aber es tat sich nichts ! Warum bloß nicht? – Weil alle meine Befehle dieser Art nirgendwo ankamen, ins Leere gingen. Sie erreichten die Adressaten – den linken Arm, die Finger der linken Hand, das linke Bein, den linken Fuß und seine Zehen – nicht.

Und so blieben sie einfach liegen, wo sie gerade lagen.

Wollte ich sie verlegen, mußte das mit der rechten Hand geschehen, die ja gottseidank voll einsatzfähig geblieben war. Das galt sogar für die Zeit im Schlaf. Drehte ich mich im Bett um, blieb die Linke liegen, wo sie lag, und automatisch sorgte ich mit einem Griff der Rechten dafür, daß die Linke die Drehung des Körpers mit vollzog.

So erlebte ich also meine linksseitige Lähmung ganz bewußt Tag für Tag und unbewußt Nacht für Nacht.

Jeder meiner Versuche den Arm, die Hand oder sogar die Finger zu bewegen schlug fehl. Mein Bein lag da unten im Bett, so als gehöre es nicht mehr zu meinem Körper. Es war frustrierend. Ich wollte das eigentlich alles nicht glauben. Ich wollte diesen miserablen körper- lichen Zustand  an mir einfach nicht wahrhaben, zumal ich ja ganz klar denken, begreifen und sprechen konnte.

Es ergab sich zufällig, daß ich in dem Zimmer noch zwei Tage und zwei Nächte allein war – ein glücklicher Umstand, der bei mir dazu führte, daß ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen konnte.

Mir war oft in meinen deprimierenden Gedanken zum Weinen zumute. Und da ich mich dabei nicht zurückhalten brauchte, weil niemand im Zimmer war, habe ich in diesen Tagen oft und viel geweint.

Diese Art von Depression fing immer ganz langsam und leise an und ich steigerte mich derart stark hinein, daß ich am Ende laut zu mir selber sprach, indem ich mich und meinen halbierten Körper voller Verzweiflung verfluchte und bitterlich laut mit viel Tränen schluchzte.

Bis dann zufällig Schwester Eva mich in so einem jämmerlichen Zustand von Weinkrämpfen bemerkte und mir sofort schnell eine Beruhigungsspritze gab.

Am 3.Tag kam der schon vorher angekündigte Zimmerkollege zu mir ins Zimmer. Es war Heinz aus Ganderkesee, der mit 66 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatte. Wir verstanden uns beide auf Anhieb gut. 

Es war für mich jetzt doch sehr angenehm, jemanden in der Nähe im Zimmer zu haben und sich unterhalten zu können. Das lenkte mich von meinen quälenden Gedanken ab.

Besuch bekam ich zu meiner Abwechslung natürlich auch genug. Ingrid war sowieso jeden Tag nach der Arbeit zu mir gekommen. Dann besuchten mich abwechselnd meine beiden Söhne Malte und Sönke und meine Schwester Inge. 

Ingrid brachte öfters meine Mutter oder auch einmal die Nachbarin zum Besuch mit. Vier andere Nachbarn besuchten mich gemeinsam und meine Motorradfreunde aus dem Club kamen zugleich zu Besuch, ebenso drei nette Kollegen aus der Firma.

Auch bei diesen Besuchen übermannte mich anfangs oft meine Niedergeschlagenheit. Während der Erzählungen der Kameraden hatte ich vor lauter Wehmut den hemmenden Kloß im Hals und wenn ich dann selber etwas sagen wollte, übermannte mich meine Verzweiflung. 

Ich konnte dann nur noch bitterlich weinend sagen:

„Ich möchte so gerne wieder mit euch in der Firma arbeiten...“ – oder  „Ich möchte bald wieder zusammen mit euch mit meinem ´Leonardo` gemeinsam auf einer Tour fahren.“

Nach solchen Besuchen war ich oft so erschöpft, daß ich völlig entkräftet sofort einschlief.

Bei vielen Gesprächen wurde mir immer gesagt, es gäbe weitaus schlimmere Fälle als mich, denn mir war ja vieles geblieben.

Es gelang mir eine sichere Handhabung kleiner, leichter Tätigkeiten, sowie eine allmorgendliche „Katzenwäsche“ im Krankenbett oder später im Rollstuhl sitzend die gründlichere Wäsche und Zähneputzen am Waschbecken. Es bereitete mir auch keine Schwierigkeit, mich elektrisch zu rasieren. Was alles für mich ein Glück im Unglück der rechtsseitige Schlaganfall – der linksseitige Lähmung zur Folge hat – doch für einen ausgeprägten Rechtshänder wie mich bedeutete.

So war auch mein Sprachzentrum unbeschädigt und meine Artiku-lationsfähigkeit dieselbe geblieben.

Ich bin heute überzeugt davon, daß es weit mehr Energie, Ausdauer und Disziplin verlangt, in geduldiger Zusammenarbeit mit einer Logopädin wieder sprechen lernen zu müssen.

Ich konnte nach der Katastrophe nicht nur wie vorher sprechen und lesen, sondern auch mit der rechten Hand wie zuvor schreiben. 

Noch heute bewundere ich jene, die nach einem Ausfall der Rechten mühsam lernen mußten, mit der linken Hand zu schreiben.

Ich hatte zum Zeitvertreib angefangen mir einige Notizen auf einem Block aufzuschreiben. Anfangs notierte ich mir nur die Namen von Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern und Therapeuten, um sie mir besser merken zu können. Dann kamen medizinische Begriffe, Medikamente, Bemerkungen und Termine dazu und es wurde immer mehr ein richtiges Tagebuch daraus.

Am 4.Tag im Städtischen Krankenhaus Delmenhorst hatte ich ein kleines Erfolgserlebnis und schrieb danach in mein Tagebuch :

´ Ich habe heute zum erstenmal mein linkes Bein bewußt gewollt im Bett strecken können.`

Einige Wochen später wußte ich jedoch, daß es eine Art von Spastik war, eine sogenannte Streckspastik, die sich in meiner linken Körper-hälfte ausbildete. 

Dann kamen die Tage an denen die Untersuchungen, Tests und Messungen an mir durchgeführt wurden.

Die Herzuntersuchung mittels Ultraschallmeßkopf beim Schlauch-schlucken unter Vollnarkose zeigte die Herzaktivität in der Herz- hinterkammer. Ein 24-Stunden-EKG gab Aufschluß über die Herz- tätigkeit in einer Langzeitmessung.

Die Sprachtherapeutin (Logopädin) kam zu mir ans Bett, um mit mir   

die ersten kleinen Sprachübungen zu machen, denn mein linker Mund- winkel war immer noch etwas gelähmt und taub.

Ich war jedoch kein  ´Aphasiker`, denn ein Aphasiker hat Sprech-störungen infolge von Schädigungen in der linken Gehirnhälfte und eine Hemmnis bei der Aussprache und Wortfindung.

Wohlgemerkt – vom Gehirn und Verstand her, war ich wohl in der Lage normal zu sprechen. Ich mußte nicht nach Wörtern suchen und hatte es auch nicht schwer Sätze gut zu formulieren.

Jedoch die Taubheit und die geringe Unbeweglichkeit im linken Mund-winkel machten mir bei einigen Wörtern Schwierigkeiten sie klar und sauber auszusprechen.

Die Logopädin übte mit mir die Mundmotorik. Ich mußte die Lippen spitzen, breitziehen, Unterlippe über Oberlippe ziehen und umgekehrt, auf die Unterlippe und Oberlippe abwechselnd beißen, den Mund nach links und rechts ziehen, ein großes, offenes „A“ oder ein kleines, geschlossenes „O“ formen. Ich sollte einen Bleistift zwischen Nase und Oberlippe halten, beide Wangen zugleich aufblasen, dann nur die rechte und die linke Wange aufblasen, die Zunge weit herausstrecken und zur Nase hochbiegen, die Zunge in den rechten und linken Mund-winkel stecken, mit der Zunge abwechselnd auf die Oberlippe und die Unterlippe tippen, die Zunge in die rechte und linke Wange bohren, ein Zungenröllchen machen, die Zähne zeigen, die Nase rümpfen, die Stirn runzeln und die Augenbrauen zusammenziehen.

Alle Übungen konnte ich sehr gut hinkriegen, außer einer : die rechte Wange aufblasen. Das bekam ich nicht hin, weil ich die linke Wange und den linken Mundwinkel nicht genug zusammenkneifen und strammhalten konnte.

Eine Physiotherapeutin kam am 5.Tag zu mir ans Bett und machte Bewegungsübungen mit meinem linken Bein und Arm. Allerdings mehr oder weniger erfolglos und am Ende kam der Spruch: „Ja, Herr Aschemoor, das braucht eben alles seine Zeit. – Da müssen Sie schon Geduld haben.“ ---  Da war er wieder, dieser Ausspruch mit der unendlichen Geduld. ---

Eine Stunde nach ihr kam eine Ergotherapeutin, die sich wiederum nur um die linke Hand kümmerte. Sie testete mein Handgefühl und machte den Empfindungstest. Sie stellte  dabei erfreut fest, daß ich ja die volle Empfindlichkeit und  gutes Gefühl überall habe. Diese Eigenschaften haben wohl viele Hirninfarktgeschädigte nicht, wie ich selber später in der Rehaklinik bei anderen auch feststellte.

Am 6.Tag kam Schwester Eva nach dem Frühstück überraschend zu mir ans Bett, um mir beim Anziehen schnell zu helfen. Zwei Sanitäter vom Malteser Hilfsdienst brachten mich mit dem Rollstuhl nach draußen zum Krankenwagen und dann fuhren wir nach Bremen zum Großen Krankenhaus in die St.Jürgenstraße. 

Sinn der ganzen Aktion war, daß man hier nun Kernspinntomographieaufnahmen machen wollte, das sind Schichtaufnahmen von meinem Gehirn in mehreren parallelen Schnittebenen.

Man schob mich auf dem Rücken liegend durch einen engen Tunnel, eine sogen. Magnetfeldröhre, in der es dann fürchterlich knallte, rauschte, vibrierte, polterte und krachte obwohl ich dicke Ohrschützer aufgesetzt bekommen hatte.

Zuerst wurden einfache Schichtaufnahmen von meinem Gehirn gemacht. Aber da diese anscheinend nicht aufschlußreich genug waren, wurde mir vor dem zweiten Durchgang ein Kontrastmittel ins Blut gespritzt.

Nach vier Stunden ging es dann mit dem Krankenwagen der Feuerwehr wieder zurück nach Delmenhorst zu meinem Krankenhaus, auf meine Station, in mein Zimmer, in mein Bett.  Ich war völlig geschafft an diesem Abend und habe gut und tief geschlafen.

Am nächsten Tag setzte man mich zum erstenmal in einen Rollstuhl, in dem ich im Zimmer zum Frühstück am Tisch sitzen konnte. Später fuhr ich mit diesem Rollstuhl auch auf die Toilette ......(endlich – nicht mehr die Flasche und Pfanne im Bett !).

Am Nachmittag holte mich die Therapeutin zur Krankengymnastik (KG) im Erdgeschoß ab. Sie trainierte mit mir Bewegungen wie das Aufstehen, Hinsetzen, Hinlegen, Umdrehen, Vorrutschen und Zurücklegen, damit ich lernte mich alleine, selbstständig und richtig zu bewegen.

Allerdings war dabei meine linke Körperseite ganz außer Funktion und alle Kraft und Bewegungsenergie ging von meiner rechten Seite aus.

Von nun an machte ich jeden Tag 2 x ½ Stunde KG.

Bei der nächsten Visite erklärte mir der Chefarzt die Bilder vom Kernspinntomographen, die ich von Bremen mitbekommen hatte. Darin sah man deutlich wo eine kleine Ader in der rechten Gehirnhälfte an einer Stelle verstopft war. Ein kleiner, kirschkerngroßer Teil des Gehirns hinter dieser Verstopfung ist nicht mehr ausreichend durchblutet worden und innerhalb einiger weniger Minuten an meinem schicksalhaften Tag am Abend des 2. Dezember, vor einer Woche, für immer und ewig abgestorben.

Dieser kleine Gehirnteil ist in meinem Leben bis zu diesem Moment, 57 Jahre lang für die Motorik meiner linken Körperhälfte zuständig gewesen.

Am 9. Tag konnte ich mit einemmal das linke Bein mit Kraft im Liegen ausstrecken und hochhalten.

Am Anfang der 2. Woche wurden Heinz und ich in ein anderes Zimmer genau gegenüber verlegt, wo dann noch ein dritter Kollege dazukam.

Mein 11. Tag hier im Delmenhorster Krankenhaus brachte mir ein besonderes Ereignis. Mein Sohn Malte, 21 Jahre, war noch nach der Abendbrotzeit bei mir zu Besuch. Er saß bei mir auf dem Bett, als Schwester Eva kam und schelmisch meinte: „Na, Sohnemann was meinst du, woll´n  wir deinem Vater mal zeigen, wie er gehen kann ?“

Gesagt, getan – Malte griff mir rechts unter die Armachsel und Eva stützte mich links. „So, nun den rechten Fuß vor – jetzt den linken, - rechts, - links - .... .“  Ich war tatsächlich mit den beiden bis zur Zimmertür und wieder zurück zum Bett gegangen. 

Es war ein großes Erfolgserlebnis. Ich erzählte es gleich danach meinen Besuchern, den beiden Nachbarn Günther und Günter. 

Malte berichtete es zuhause sofort der Mama.

Am 13. Tag sagte mir der Stationsarzt bei der Visite, daß man die bei meiner Krankenkasse beantragte Rehabilitationsmaßnahme in einer Rehaklinik nun genehmigt bekommen hatte.

In dem anschließenden Gespräch mit ihm unter vier Augen erklärte er mir unverblümt, ich sollte eigentlich schon wissen, daß an meinem Schicksalstag, am 2. Dezember, der Tod neben mir gestanden habe und an meinem Bett auf der Intensivstation gewesen sei. Das stehe sicher zweifelsfrei fest, man wisse nur nicht, warum er dann wieder kehrt gemacht habe. 

Er meinte zum Abschied, ich solle die vor mir liegende Zeit dazu nutzen, nachzudenken, was ich in meinem zurückgeschenkten, neuen Leben nun anders machen wolle und ändern könne, damit es noch gut und lange gelebt werden könne. Veränderung sei ab jetzt angesagt, wenn dem ersten nicht in mehr oder minder kurzer Zeit ein zweiter Schlaganfall folgen solle! Zeit zum Nachdenken würde ich ja in nächster Zeit genug haben. Was im Klartext hieß, daß die vor mir liegende Rehabilitation nicht einfach sein würde. 

Empfohlen wurde für mich die Rehaklinik in Lingen a.d. Ems und man hatte auch schon von dort einen Aufnahmetermin erhalten –  nämlich: morgen !

An diesem letzten Abend hier im Krankenhaus bekam ich noch viel Besuch. Mein jüngster Sohn Sönke,19 Jahre, erschien kurz vor dem Abendessen, Ingrid und Malte kamen danach und während ich mich dann mit meinem Rollerfreund Dieter im Besucherraum unterhielt, packte Ingrid mir den Koffer für meine bevorstehende Reise nach Lingen.

Somit fuhr ich also nach 14 Tagen Krankenhausaufenthalt am 16.Dezember 1999, es war wieder ein Donnerstag, so wie mein Schicksalstag,  mit 2 Sanitätern im Malteser-Krankenwagen die 100km von Delmenhorst direkt nach Lingen. 

Ein neuer unbekannter Lebensabschnitt sollte für mich nun beginnen.

 

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